Gedanken zum #DisabilityPrideMonth
Posted on Wed 30 July 2025
Für alle Interessierten, die nicht im Thema drin sind: Den DisabilityPrideMonth gibt es seit der Einführung des Americans with Disabilities Act im Juli 1990. Die Idee ist zu feiern, stolz zu sein, Scham abzulehnen und Identität zu pflegen. Ich kannte bisher die Aufrufe, bin ihnen aber nie gefolgt, weil sie mir weder politisch noch persönlich so recht einleuchten. Warum ist die Einführung eines symbolpolitischen Gesetzes Grund zu derartiger Begeisterung? Warum sollte ich Lust haben, meine Krankheit zu feiern? Und selbst wenn: Eine PrideParade ist für meinen kaputten Reizfilter nicht die richtige Aktionsform.
Als dann der Hashtag #IchLeideNicht in meine Timeline gespült wurde, habe ich mich zum ersten Mal angesprochen gefühlt. Er wirft interessante Fragen auf. Ist meine Krankheit das Problem oder ist es die Gesellschaft? Bin ich eingeschränkt oder werde ich eingeschränkt? Leide ich oder leide ich nicht?
Vor Jahren hatte ich schlimmen Streit mit einer Freundin. Sie sagte, sie könne sich diese ständigen Vorträge über meine schlimme Situation nicht mehr anhören. Ich würde nur fordern. Sie täte so viel für mich, aber nichts sei jemals genug.
Ich war damals in der schlimmsten Krankheitsphase, die ich je erlebt habe. Mein Nervensystem war hoffnungslos überdreht. Jeder aufheulende Motor auf der Straße, jedes Poltern im Treppenhaus, jeder durch die Wand dringende Bass eines musikhörenden Nachbarn jagte mir Riesenschrecken ein. Alltägliche körperliche Bewegungen – über einen Badewannenrand steigen, einen vollen Wasserkocher durch die Küche tragen, das Staubsaugerrohr hochheben um Spinnenweben von der Decke zu saugen – schmerzten, als würde ich meinem Körper schlimmste Belastungen antun. Manchmal konnte ich nicht einmal eine sanfte Umarmung ertragen, weil die Berührung so unangenehm intensiv war. Mein Leben bestand aus Schreck und Schmerz.
Es brauchte einen mehrwöchigen Klinikaufenthalt und ein halbes Jahr Krankschreibung, um die Ursache herauszukriegen: Mein Nervensystem spielte verrückt, weil ich meine Bedarfsmedikation zu oft genommen hatte.
Man sollte meinen, eine solche Diagnose sei eine Erleichterung. Alles ist besser zu händeln, wenn man weiß warum es passiert, richtig? Richtig. Aber ich wollte nach dieser Erkenntnis nicht weitermachen wie bisher. Ich wollte vor allem nicht Leistung erbringen wie bisher. Ich hatte die Bedarfsmedikation zu oft genommen, um nicht ständig bei der Arbeit zu fehlen. Ich hatte den Alltag ohne Medikamente nicht geschafft. Wie ich inzwischen weiß, schaffe ich ihn mit Medikamenten aber erst recht nicht. Nicht langfristig. Was ich brauche, sind Arbeitsbedigungen, die nicht nur Anpassung verlangen, sondern sich auch an mich anpassen.
Meine Freundin, die ihre Überstunden schon lange nicht mehr zählte, Nächte und Wochenenden drangab und trotzdem nie mit ihrem Pensum zu Rande kam, hatte mit meiner neuen Haltung ein Problem. Sie fand, ich würde zu harsch über meine Vorgesetzten urteilen, zu viel Sonderbehandlung erwarten, zu wenig Kompromisse machen. Wir hatten ein paar Reibereien darüber, bis ich ihr schließlich sagte sie solle zu dem Thema die Klappe halten, zumindest bis sie gelernt habe meine Situation zu verstehen. Keine Woche später waren wir geschiedene Leute. Denn meine Freundin erlebte sich selbst als jeder Krise gewachsene Person, als eine, die immer informiert und nie überfordert ist. In ihrer Wahrnehmung erteilte sie mir Ratschläge, die ich dringend brauchte. Dass ich sie dafür nicht als Heldin sah, sondern als Nervensäge, war unerträglich für sie.
Ein bisschen wirkt es, als hätte ich aus Effekthescherei eine Figur erfunden, die die Leistungsgesellschaft repräsentiert. Habe ich nicht. Aber ich habe einen Konflikt aufgebracht, der mir gerade wegen seiner Alltäglichkeit wichtig erscheint. Wie meine ehemalige Freundin möchten alle woke und aware sein, aber nicht zu dem Preis dass sie tatsächlich etwas lernen oder ändern müssten. Wie sie fühlen sehr viele Leute sich angegriffen, wenn sie mit Problemen konfrontiert werden für die es keine schnelle Lösung gibt. Und genau wie sie kritisieren viele diejenigen von uns, die sich dem Leistungsdruck verweigern, und fühlen sich gleichzeitig von uns kritisiert.
Ich habe keine Geduld mehr für solche Leute. Ich will die Konsequenzen ihres Verhaltens nicht ständig abbekommen. Ich will Teil einer Gemeinschaft sein, in die ich mich einbringe und aus der ich etwas zurückbekomme. Ich will, dass es allen so gut geht wie möglich.
Und was den Hashtag angeht: Für mich passt weder #IchLeide noch #IchLeideNicht. Mein Vorschlag fürs nächste Jahr lautet deshalb: #IchWillNichtLeiden