About
Wer bist du?
Quinn Alexis, Jahrgang 1984, ScienceFiction-Autorin, Sozialarbeiterin, Musikerin, Linux-Nerd, radikal für Menschenrechte, komme aus dem Ruhrpott aber lebe in Berlin.
Ich habe schon mal in die Niagara-Fälle gespuckt, einem Wildpferd die Nase gestreichelt, frittierten Bambus gegessen und die GayPride in Tel Aviv besucht. Außerdem mag ich Noise Canceling Headphones, Spinat und Deep Water Solo.
Ist das überhaupt ScienceFiction, was du machst?
Die Frage können wir nachts um drei in der Kneipe diskutieren. Aber natürlich würde ich das Thema nicht aufwerfen, wenn ich mich nicht hier und jetzt dazu äußern wollte.
Ist das ScienceFiction? Unbedingt.
Meine Geschichte spielt in naher Zukunft auf der Erde, in irgendeiner deutschen Großstadt, in der die Obdachlosigkeit explodiert und die Stimmung von Angst vor Armut geprägt ist. Ich habe mich beim Weltenbau auf Plausibilität konzentriert, nicht darauf, möglichst abgefahren zu erscheinen. Dadurch kommt meine Fiktion schlichter daher als die mit Raumschiffen, Kampfrobotern und Explosionen vollgestopften Epen, die so viele SciFi-Regale schmücken. Meine Hauptfigur braucht keine Technologie, keine Reise durch eine fremde Galaxis. Sie entdeckt neue Welten gleich hier, vor unserer aller Nasen.
Um von diesen Welten zu erzählen, habe ich sozialwissenschaftliche und staatstheoretische Gedankengänge mit meiner Erfahrung als Sozialarbeiterin zusammengefügt. Ich habe gesellschaftliche Entwicklungen skizziert, die ich für wahrscheinlich halte, bin die Gründe dafür durchgegangen, habe Lösungen entworfen und überlegt, was für neue Probleme diese wiederum nach sich ziehen könnten. Das ist genauso Science wie Physik oder Maschinenbau.
Natürlich tun manche meinen Bereich gern als soft ab: Soft ScienceFiction, Soft Skills. Aber das sind Leute, die sehr wenig kapieren. Sozialarbeit ist kein softer Beruf, Sozialwissenschaft kein softes Studium. Entsprechend ist Literatur, die auf Erkenntnissen daraus basiert, auch keine Soft ScienceFiction.
Mein Stoff ist einfacher zu lesen als Ursula K. Le Guin, tröstender als Naomi Alderman, politischer als Margaret Atwood. Unbekannter als alle drei. Aber: Wir alle schreiben ScienceFiction.
Eine Welt, in der Polizei und Sozialarbeit ein Beruf sind! Wie bist du auf die Idee gekommen?
Viele Leute verbringen ihr Leben, ohne jemals mit der Polizei in Berührung zu kommen. Sie kennen vielleicht Kontexte, in denen man beim Freund und Helfer anruft, ohne dass direkte Gefahr besteht: einen Parkrempler, eine Beschwerde über die ausschweifende Party im Nachbarhaus. Schlimmstenfalls haben sie zu berichten, dass ihr Auto geklaut wurde. In den Augen der Leute, die solche Erfahrungen machen, steht die Polizei für Sicherheit und Ordnung.
Offenbar funktioniert das – für diejenigen, die in der selbsternannten Mitte der Gesellschaft stehen. Wer hier akzeptiert und eingebunden ist, erwartet zu Recht Hilfe vom Staat.
Aber anderthalb Jahrzehnte in der Sozialarbeit haben mich an so manchen gesellschaftlichen Rand geführt, und da wird es komplizierter. Denn hier leben die Leute, vor denen die Mitte der Gesellschaft geschützt werden soll. Hierher kommt die Polizei nicht mit dem Auftrag, anständigen Leuten unter die Arme zu greifen, sondern gefährliche Elemente unschädlich zu machen, und wie man immer wieder beobachten kann, haben die Polizist_innen mehr Angst vor diesen vermeintlichen Elementen als diese vor ihnen. Bis die Dienstwaffe gezogen wird.
Sozialarbeiter_innen dagegen werden nicht zum Unschädlichmachen an den Rand geschickt, sondern um möglichst viele Menschen von dort in die Mitte zu leiten. Aus Sicht des Staates darf aber auch hier Druck oder Zwang zum Einsatz kommen, eine Haltung, die erschreckend viele meiner (ehemaligen) Kolleg_innen teilen. Sie müssten es besser wissen, schließlich sehen sie jeden Tag, dass der Hauptgrund für ein Leben am Rand der Gesellschaft Armut ist, und Armut ist viel seltener selbst verschuldet als die Wohlhabenden glauben (wollen). Aber sie kritiseren lieber nicht die Gesellschaft und die staatlichen Institutionen, sondern die Menschen mit denen sie arbeiten.
Ausgehend von diesem Gedanken habe ich angefangen zu erfinden.
Wie sähe eine Welt aus, in der der Kontrollaspekt der Sozialarbeit staatlich gestärkt wäre? Was würden Sozialarbeiter_innen tun, wenn sie die Befugnis hätten Menschen nicht nur zu beraten sondern zu überwachen, ihre Post zu lesen, ihre Taschen oder sogar Wohnungen zu durchsuchen? Es schüttelt mich bei der Vorstellung, aber: Die Kehrseite der Medaille wären Quasi-Polizist_innen, für die das Herumfuchteln mit Waffen keine normale Methode ist. Die es gewohnt sind, Situationen ohne den Einsatz von Gewalt zu regeln.
So schnell hatte ich eine Welt erschaffen, in der Polizei und Sozialarbeit eins sind. Fast sofort ist eine Hauptfigur gefolgt, die das Publikum durch diese Welt führt: Juna Pechstein stellt Fragen, verweigert Anweisungen, bricht Regeln, schließt Freundschaften, gerät in so manches Dilemma und kann sich in der Zukunft auf mehr davon gefasst machen. Sie zweifelt jedoch nie daran, dass sie sich lieber in Schwierigkeiten befindet als in einem Zustand schweigender Angepasstheit.
Ob ich mit dem Ganzen auf eine Utopie oder Dystopie hinauswill? Sowohl das Setting als auch Junas Verhalten sind zu gut möglich, um als Utopie oder Dystopie zu gelten. Von beiden sind Elemente enthalten, aber darüber hinaus erkunde ich gern weitere Genres wie Krimi und Büroroman. Heraus kommt bodenständige, politisch motivierte ScienceFiction.
Und wie sind die Reaktionen darauf?
Viele Autor_innen sagen, man dürfe sich niemals Meinungen aus dem Publikum anhören, weil man sich dann nur unverstanden vorkomme und das zu frustrierend sei. Ich erlebe bisher das Gegenteil. Leser_innen sagen mir, Juna habe sie mitgezogen, unterhalten, ihnen sowohl Stoff zum Nachdenken als auch zum Lachen geliefert. Genau das wollte ich erreichen.
Allerdings sehen nur sehr wenige Leute das Osterei, und die meisten schätzen völlig falsch ein, welche Elemente meiner Geschichte frei erfunden und welche von der Wirklichkeit inspiriert sind.
Liegt das am guten Storytelling? Sagt ihr es mir!